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Kurz nach Kriegsende, nach der Kriegsgefangenschaft, übernahm mein
Vater Otmar den elterlichen Betrieb.
Um die Arbeit auf dem Feld zu erleichtern, schaffte er sich im Jahre 1948 einen Traktor Typ Ensinger AS 20
aus Michelstadt an.
Der Kaufpreis setzte sich aus Bargeld und einem Stück Wein (1200 l) zusammen.
Den Traktor holte mein Vater persönlich bei der Fa. Ensinger ab. Dazu fuhr er mit einem Freund auf dem
Motorrad nach Michelstadt,
von wo er den Traktor auf eigener Achse nach Guntersblum überführte.
Der As 20 wurde dann im Gemischtbetrieb (Weinbau und Ackerbau) eingesetzt. Als Extra hatte der Ensinger ein
Raspe-Mähwerk,
welches für die Getreideernte und zum Grasschneiden eingesetzt wurde. Die Wiesen waren unter anderem
auf der Insel Kühkopf
am Rhein.Um dorthin zu gelangen musste das Fuhrwerk (Traktor & Anhänger) mit der Fähre
übergesetzt werden. Von dort kam er
dann abends schwer beladen nach Hause. Außer für Getreide und Heu wurde der Ensinger auch im
Weinbau eingesetzt. Hier speziell
für den Transport der Erntehelfer und der Traubenbütten. Bis zu 25 Helfer waren für die Lese
notwendig und der Heimtransport
war mitunter schwierig. Um die Bütten gefahrlos heimzufahren, mussten in den engen Hohlwegen Hemmschuhe
aus Eisen zur Verlangsamung
der Bergabfahrt benutzt werden. Dazu wurden zwei Eisen mit U-Profil unter die Räder montiert, was immer
eine risikoreiche Aktion war.
Auch der am Ensinger vorhandene Treibriemenantrieb wurde vielfältig eingesetzt, z.B. wurde im Giebel
der Scheune ein Lastgreifer
über Treibriemen angetrieben und mit einer zusätzlich angebrachten Keilriemenscheibe wurde der
Rübenhächsler und ein am Traktor
angebrachter Luftkompressor betrieben. Die Zapfwelle wurde auch benutzt, um einem Einachsanhänger
(mit LKW Achse) über eine
Kardanwelle, zusätzliche Traktion zu verschaffen. Eine Besonderheit ist der Auspuff, er wurde aus
einem alten US-Army Transportbehälter
für Artilleriegranaten (Baujahr 1944) aus dem 2. Weltkrieg gefertigt. Bis Mitte der 70er war der
Ensinger im Einsatz, zum Schluß
allerdings nur noch zum Grasschneiden.
Die Inspektionen wurden am Anfang von der Fa. Ensinger (H. Heckmann) durchgeführt. Dazu kam ein
Monteur auf dem Motorrad nach
Guntersblum. Bis zu 7 Ensinger liefen in der Umgebung. Später wurden diese Arbeiten von der
ortsansässigen Schlosserei
Christian Müller durchgeführt. Hier arbeitete Alfred Seibel als Lehrling und erlernte den
Beruf des Landmaschinenschlossers.
Schon damals hatte er mit der Reparatur des Traktors zu tun.
Mitte 2005 beschlossen Alfred und ich den Ensinger aus seinem Dornröschenschlaf zu befreien.
Im Herbst 2005 wurde der
Traktor komplett zerlegt, die Teile wurden entrostet, überholt, sandgestrahlt und dann grundiert und
lackiert.
Die Vorderachse wurde komplett überholt. Der total ausgeschlagene Aufhängebolzen wurde von meinem
Freund Daniel Koring, der
eine Schlosserei in Guntersblum betreibt, neu angefertigt. Die Bronzebuchsen der Vorderradaufhängung
wurden ebenfalls neu angefertigt.
Diese Arbeiten führte die Tochter eines anderen Freundes mit viel Geschick aus. Der Kühler musste
teilweise neu verlötet werden,
Zylinderkopf und Kurbeltrieb wurden gereinigt und überholt. Da der Ensinger kurz vor seiner Stilllegung
eine neue Kupplung bekommen hat,
mussten wir diese nur auf Funktion prüfen. Der Getriebe und Hinterachsblock war dichtund bekam nur
einen Ölwechsel.
Mit der Bremsanlage hatten wir am meisten zu tun, die Bremstrommeln neu ausgedreht und bekamen neue
Beläge.
All dies ging dank des fundierten Wissens von Alfred sehr gut vonstatten. Die Lackierung wurde von mir
durchgeführt.
Für die nicht mehr vorhandene Elektrik besorgte ich Fachliteratur. Das Zündschloß musste
komplett zerlegt und wieder
gangbar gemacht werden. Nachdem die Scheinwerfer neu lackiert und alle anderen Elektrikteile besorgt
waren, baute ich den
Kabelbaumneu auf. Die Reifen für die Hinterräderbekam ich erst nach langer Suche.
Der Schriftzug ENSINGER am Kühler wurde
in Handarbeit von meinem Bruder Udo nachgefertigt. Nachdem alle Teile wieder zusammengefügt
waren, war es zeit für den ersten
Anlassversuch. Nach vollbrachter Startprozedur verlief unsere Probefahrtmit einem Anhänger ohne
Probleme.
Auch mit der Vollabnahme beim TÜV hatte ich großes Glück. Dank des TÜV-Ingenieurs
verlief diese ohne nennenswerte Probleme.
Bremsen, Elektrik und Mechanik sind einwandfrei.
Bericht vom stolzen Eigentümer Martin